«Gewalt in der Schule» ist zu einem Thema geworden, welches
die Köpfe erhitzt. Auch der Aargau fasst dabei die Möglichkeit ins
Auge, gewalttätige Schüler zeitweise vom Schulbesuch auszuschliessen.
Dass es auch andere Lösungsansätze gibt, zeigt das Gespräch mit
Bruno Schuler, Abwart der Schulanlage Au-Langmatt, Brugg. In
der Schulanlage Au-Langmatt gehen insgesamt mehr als 370 Schülerinnen und
Schüler ein und aus. Die jüngsten sind rund sieben Jahre alt, die
ältesten besuchen die Oberstufe und werden Ende des Schuljahres die Schule
verlassen. Unter- und Mittelstufenschülerinnen und -schüler, Real-
und Kleinklassenschülerinnen und -schüler sowie Absolventinnen und
Absolventen des Berufswahljahres gehen hier vor allem zur Schule. In der
Realschule ist der Ausländeranteil mit rund 60 Prozent sehr hoch.
Gewalt hält sich in Grenzen Auf den ersten Blick ist
diese Schulanlage also «prototypisch» für eine Schule, in der
Gewalt ausbrechen könnte. Dem ist aber hier nicht so, wie Abwart Bruno
Schuler glaubhaft versichert. «Aggressionen gibt es überall. Aber
diese sind nicht gleichbedeutend mit Gewalt. Wir, die Verantwortlichen in
dieser Schulanlage, wollen verhindern, dass Aggressionen in Gewalt
umschlägt», erklärt Bruno Schuler. Und: «Durch
Information und Kommunikation und indem wir die Jugendlichen ernst nehmen, aber
auch durch die Einhaltung einer klaren Linie wollen wir diese Ziele erreichen.
Zudem ist es absolut wichtig, dass alle Lehrkräfte und der Abwart am
gleichen Strick ziehen und dass wir uns gegenseitig informieren. Und die
Jugendlichen müssen das spüren und wissen.»
Die Jugendlichen kennen Damit die Botschaften der
Erwachsenen «rüberkommen» und von den Jugendlichen angenommen
werden, ist wichtig zu wissen, was in den jungen Menschen vorgeht und was
für sie wichtig ist. Unter den pubertierenden Schülerinnen und
Schülern herrscht ein hoher Gruppendruck. Niemand kann und will durch eine
Niederlage sein Gesicht verlieren. Einige haben in der Gruppe auch eine
ausgeprägte Geltungssucht und viele erkunden die Grenzen der Toleranz der
Erwachsenen. Wer diese Tatsachen kennt und in sein Verhalten einbezieht, wird
den Weg zu und mit diesen Jugendlichen meistens finden.
Klarheit und Konsequenz Die Antwort auf die Frage nach
einem «Rezept» gibt Bruno Schuler rasch: «Am wichtigsten ist
Klarheit und Konsequenz. Wir müssen für die Jugendlichen berechenbar
sein und es muss von Anfang an ebenso klar sein, mit welchen Konsequenzen sie
für ihr Tun zu rechnen haben.» Dazu gehört die
notwendige Zivilcourage. Es ist für viele einfacher, an einem Missstand
vorbeizusehen, als einzugreifen. Wer dies aber tut, verscherzt seine
Autorität und wird persönlich unglaubwürdig. Davon ist Bruno
Schuler überzeugt und er kennt auch genügend Beispiele, welche dies
belegen. So duldet er auf dem Schulgelände keinerlei Anpöbeleien,
Schmierereien und dergleichen mehr. Er greift ein, wo er solches beobachtet.
Und zwar auch in der schulfreien Zeit. Nein, bedroht hätte ihn deswegen
noch nie jemand bei seinen abendlichen Kontrollgängen. Im Gegenteil, oft
werde er aufgefordert, schlichtend in einen Konflikt einzugreifen.
Schlichten und trennen Seine und der Lehrerschaft Aufgabe
sei das Schlichten und Trennen, zeigt sich Schuler überzeugt. Und damit er
dies tun könne, müsse er wohl jeden Einzelnen anhören, auf die
Schülerinnen und Schüler eingehen. Damit können sie als
Erwachsene den Kindern in der Praxis zeigen, dass sie diese ernst nehmen. Die
Verantwortlichen in der Schulanlage Au-Langmatt haben die Erfahrung gemacht,
dass durch solches Verhalten nicht nur die Akzeptanz der Erwachsenen bei den
Jugendlichen erhöht wird, sondern dass damit auch das Umschlagen der
Aggressionen in Gewalt zu einem grossen Teil verhindert werden kann.
Keine Insel der Glückseligen Die Schulanlage
Au-Langmatt ist deswegen ganz bestimmt keine Insel der Glückseligen.
Problematischer als die Gewalt gegen Menschen ist aber meist die Klauwut
einiger Schülerinnen und Schüler und der latente Vandalismus. Stehlen
und dann abstreiten, dass man gestohlen hat, obwohl alle Beweise vorliegen, das
haben die Lehrerinnen und Lehrer und Bruno Schuler immer wieder angetroffen.
Gerade in solchen Fällen müssen die Erwachsenen dafür sorgen,
dass die erwischten Jugendlichen das Gesicht nicht ganz verlieren. Vandalenakte
und Stehlereien passieren oft aus einem Frustgefühl heraus. Hier achten
die Erwachsenen sehr bewusst darauf, dass die Sünderinnen und Sünder
nicht einfach ohne Anhörung «verurteilt» werden. Die Taten und
die Hintergründe werden im persönlichen Gespräch hinterfragt,
die Konsequenzen des Verhaltens klar aufgezeigt. Die darauf folgende Bestrafung
soll einen erzieherischen Wert haben. Sehr oft geschieht dies durch die
Verpflichtung des Jugendlichen zur Eigenleistung. Klare
Rahmenbedingungen Klare Rahmenbedingungen helfen in der Schulanlage
Au-Langmatt mit, den Ausbruch von Gewalt zu verhindern. Dazu gehört zum
Beispiel das Verbot, politische Symbole wie Fahnen oder Logos öffentlich
zu verwenden. Diese werden ohne weitere Diskussion eingesammelt und entfernt.
Damit will man emotional belastete und aufheizende Situationen verhindern. Auf
der andern Seite wird den Kindern Toleranz für andere Kulturen, Menschen
und Einstellungen vorgelebt und darüber mit ihnen bewusst diskutiert.
Unterstützt werden diese Massnahmen durch bauliche Massnahmen.
So sind an allen neuralgischen Stellen Bewegungsmelder eingebaut, welche
automatisch das Licht anzünden. Dunkle Ecken werden so ausgeschlossen. All
diese Massnahmen und Bemühungen haben dazu geführt, dass das
Stichwort «Gewalt» an dieser Schule kein überdimensional
grosses Thema ist und hoffentlich auch nie sein wird. Die Verantwortlichen sind
da guter Dinge. Schulausschluss? In vielen Kantonen
wird geprüft, ob gewalttätige Schülerinnen und Schüler von
der Schule augeschlossen werden können. Ein grundsätzlich positives
Bundesgerichtsurteil hat diesen Überlegungen Auftrieb gegeben. Auch im
Aargau werden derlei Massnahmen zurzeit geprüft. Am 19.12.2002 hat dies
die Aargauer Regierung bekannt gegeben. Eine Arbeitsgruppe des
Erziehungsrates hat Möglichkeiten aufgezeigt, wie Disziplinarproblemen
entgegengetreten werden könnte. In ihrem Schlussbericht schlägt sie
drei befristete Schulausschlussmassnahmen vor: Ein Schulausschluss von bis zu
vier Monaten für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe, einen
Schulausschluss bis höchstens drei Schulwochen und die individuelle
Betreuung durch eine Lehrperson mit heilpädagogischer Ausbildung.
Der Schulausschluss, hält der Regierungsrat fest, kann aber nur
die letzte Massnahme sein und ausschliesslich in Ausnahmesituationen angeordnet
werden. Prävention und Zusammenarbeit mit den Eltern ist weit
wirksamer.Georges Guggenheim |