brugg-online

Ausgabe vom Freitag, 17. Januar 2003
 
BRUGG: Aggression und Gewalt in der Schule
 
«Miteinander reden und Vertrauen schaffen»

«Gewalt in der Schule» ist zu einem Thema geworden, welches die Köpfe erhitzt. Auch der Aargau fasst dabei die Möglichkeit ins Auge, gewalttätige Schüler zeitweise vom Schulbesuch auszuschliessen. Dass es auch andere Lösungsansätze gibt, zeigt das Gespräch mit Bruno Schuler, Abwart der Schulanlage Au-Langmatt, Brugg.
 
In der Schulanlage Au-Langmatt gehen insgesamt mehr als 370 Schülerinnen und Schüler ein und aus. Die jüngsten sind rund sieben Jahre alt, die ältesten besuchen die Oberstufe und werden Ende des Schuljahres die Schule verlassen. Unter- und Mittelstufenschülerinnen und -schüler, Real- und Kleinklassenschülerinnen und -schüler sowie Absolventinnen und Absolventen des Berufswahljahres gehen hier vor allem zur Schule. In der Realschule ist der Ausländeranteil mit rund 60 Prozent sehr hoch.
 
Gewalt hält sich in Grenzen
Auf den ersten Blick ist diese Schulanlage also «prototypisch» für eine Schule, in der Gewalt ausbrechen könnte. Dem ist aber hier nicht so, wie Abwart Bruno Schuler glaubhaft versichert. «Aggressionen gibt es überall. Aber diese sind nicht gleichbedeutend mit Gewalt. Wir, die Verantwortlichen in dieser Schulanlage, wollen verhindern, dass Aggressionen in Gewalt umschlägt», erklärt Bruno Schuler. Und: «Durch Information und Kommunikation und indem wir die Jugendlichen ernst nehmen, aber auch durch die Einhaltung einer klaren Linie wollen wir diese Ziele erreichen. Zudem ist es absolut wichtig, dass alle Lehrkräfte und der Abwart am gleichen Strick ziehen und dass wir uns gegenseitig informieren. Und die Jugendlichen müssen das spüren und wissen.»
 
Die Jugendlichen kennen
Damit die Botschaften der Erwachsenen «rüberkommen» und von den Jugendlichen angenommen werden, ist wichtig zu wissen, was in den jungen Menschen vorgeht und was für sie wichtig ist. Unter den pubertierenden Schülerinnen und Schülern herrscht ein hoher Gruppendruck. Niemand kann und will durch eine Niederlage sein Gesicht verlieren. Einige haben in der Gruppe auch eine ausgeprägte Geltungssucht und viele erkunden die Grenzen der Toleranz der Erwachsenen. Wer diese Tatsachen kennt und in sein Verhalten einbezieht, wird den Weg zu und mit diesen Jugendlichen meistens finden.
 
Klarheit und Konsequenz
Die Antwort auf die Frage nach einem «Rezept» gibt Bruno Schuler rasch: «Am wichtigsten ist Klarheit und Konsequenz. Wir müssen für die Jugendlichen berechenbar sein und es muss von Anfang an ebenso klar sein, mit welchen Konsequenzen sie für ihr Tun zu rechnen haben.»
 
Dazu gehört die notwendige Zivilcourage. Es ist für viele einfacher, an einem Missstand vorbeizusehen, als einzugreifen. Wer dies aber tut, verscherzt seine Autorität und wird persönlich unglaubwürdig. Davon ist Bruno Schuler überzeugt und er kennt auch genügend Beispiele, welche dies belegen. So duldet er auf dem Schulgelände keinerlei Anpöbeleien, Schmierereien und dergleichen mehr. Er greift ein, wo er solches beobachtet. Und zwar auch in der schulfreien Zeit. Nein, bedroht hätte ihn deswegen noch nie jemand bei seinen abendlichen Kontrollgängen. Im Gegenteil, oft werde er aufgefordert, schlichtend in einen Konflikt einzugreifen.
 
Schlichten und trennen
Seine und der Lehrerschaft Aufgabe sei das Schlichten und Trennen, zeigt sich Schuler überzeugt. Und damit er dies tun könne, müsse er wohl jeden Einzelnen anhören, auf die Schülerinnen und Schüler eingehen. Damit können sie als Erwachsene den Kindern in der Praxis zeigen, dass sie diese ernst nehmen. Die Verantwortlichen in der Schulanlage Au-Langmatt haben die Erfahrung gemacht, dass durch solches Verhalten nicht nur die Akzeptanz der Erwachsenen bei den Jugendlichen erhöht wird, sondern dass damit auch das Umschlagen der Aggressionen in Gewalt zu einem grossen Teil verhindert werden kann.
 
Keine Insel der Glückseligen
Die Schulanlage Au-Langmatt ist deswegen ganz bestimmt keine Insel der Glückseligen. Problematischer als die Gewalt gegen Menschen ist aber meist die Klauwut einiger Schülerinnen und Schüler und der latente Vandalismus. Stehlen und dann abstreiten, dass man gestohlen hat, obwohl alle Beweise vorliegen, das haben die Lehrerinnen und Lehrer und Bruno Schuler immer wieder angetroffen. Gerade in solchen Fällen müssen die Erwachsenen dafür sorgen, dass die erwischten Jugendlichen das Gesicht nicht ganz verlieren. Vandalenakte und Stehlereien passieren oft aus einem Frustgefühl heraus. Hier achten die Erwachsenen sehr bewusst darauf, dass die Sünderinnen und Sünder nicht einfach ohne Anhörung «verurteilt» werden. Die Taten und die Hintergründe werden im persönlichen Gespräch hinterfragt, die Konsequenzen des Verhaltens klar aufgezeigt. Die darauf folgende Bestrafung soll einen erzieherischen Wert haben. Sehr oft geschieht dies durch die Verpflichtung des Jugendlichen zur Eigenleistung.
 
Klare Rahmenbedingungen
Klare Rahmenbedingungen helfen in der Schulanlage Au-Langmatt mit, den Ausbruch von Gewalt zu verhindern. Dazu gehört zum Beispiel das Verbot, politische Symbole wie Fahnen oder Logos öffentlich zu verwenden. Diese werden ohne weitere Diskussion eingesammelt und entfernt. Damit will man emotional belastete und aufheizende Situationen verhindern. Auf der andern Seite wird den Kindern Toleranz für andere Kulturen, Menschen und Einstellungen vorgelebt und darüber mit ihnen bewusst diskutiert.
 
Unterstützt werden diese Massnahmen durch bauliche Massnahmen. So sind an allen neuralgischen Stellen Bewegungsmelder eingebaut, welche automatisch das Licht anzünden. Dunkle Ecken werden so ausgeschlossen. All diese Massnahmen und Bemühungen haben dazu geführt, dass das Stichwort «Gewalt» an dieser Schule kein überdimensional grosses Thema ist und hoffentlich auch nie sein wird. Die Verantwortlichen sind da guter Dinge.
 
Schulausschluss?
In vielen Kantonen wird geprüft, ob gewalttätige Schülerinnen und Schüler von der Schule augeschlossen werden können. Ein grundsätzlich positives Bundesgerichtsurteil hat diesen Überlegungen Auftrieb gegeben. Auch im Aargau werden derlei Massnahmen zurzeit geprüft. Am 19.12.2002 hat dies die Aargauer Regierung bekannt gegeben.
 
Eine Arbeitsgruppe des Erziehungsrates hat Möglichkeiten aufgezeigt, wie Disziplinarproblemen entgegengetreten werden könnte. In ihrem Schlussbericht schlägt sie drei befristete Schulausschlussmassnahmen vor: Ein Schulausschluss von bis zu vier Monaten für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe, einen Schulausschluss bis höchstens drei Schulwochen und die individuelle Betreuung durch eine Lehrperson mit heilpädagogischer Ausbildung.
 
Der Schulausschluss, hält der Regierungsrat fest, kann aber nur die letzte Massnahme sein und ausschliesslich in Ausnahmesituationen angeordnet werden. Prävention und Zusammenarbeit mit den Eltern ist weit wirksamer.Georges Guggenheim

 
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