MÜLLIGEN: Witek Kornacki
Ein Tango-Gemisch speziell gespielt
 Selten wird der Tango so virtuos, so sinnlich und intelligent
gespielt wie von diesem Trio. Sonst in den grossen Häusern Europas zu
Hause, kommt das Sureste Tango Trio für einmal nach Windisch.
Sureste ist spanisch, bedeutet südöstlich und steht für die
Herkunftsländer der drei Instrumentalisten, nämlich Polen beim
Kontrabassisten Lech Wieleba und dem Klarinettisten Witek Kornacki sowie
Spanien beim Gitarristen Angel Garcia Arnès. Der Mülliger Witek
Kornacki ist als Berufsmusiker Mitglied des Trios. Neben seiner
Unterrichtstätigkeit in Wettingen und Würenlos gehört seine Zeit
und Energie dem Sureste Tango Trio.
Dieses ist zur Zeit auf Tournee in der Schweiz und wird ausser in Windisch,
Baden, Zürich und Thalwil noch an vielen weiteren Orten auftreten. Witek
Kornacki hat zusammen mit Lech Wieleba eine klassische Ausbildung am
Konservatorium in Polen absolviert. Die beiden hatten sich aus den Augen
verloren und zufälligerweise, nachdem beide aus politischen Gründen
anfangs der achtziger Jahre emigriert waren, bei einem Konzert vor zwei Jahren
in Zürich wieder getroffen. Nach einem gemeinsamen Auftritt gründeten
sie das Sureste Tango Trio. Der dritte Mann, der Spanier Angel Garcia
Arnès, hatte schon zuvor mit Lech Wieleba gearbeitet.
Temperament und Sturheit
In einjähriger Arbeit wurde Kornackis Idee, den Tango in einer eigenen
Abwandlung zu spielen, in ein Konzept umgesetzt. Die drei engagierten
Berufsmusiker haben ihre Ideen eingebracht und versucht, diese unter einen Hut
zu bringen. So gesteht Kornacki: «Wir hatten manchmal auch heftige
Diskussionen. Der Spanier hat Temperament und wir Polen sind stur. Oft waren
wir uns nicht einig, wie kränklich oder weinerlich wir etwas spielen
wollten. Wenn aber das Endprodukt stimmt, dann nimmt man diese Streitereien
gerne in Kauf.» Er ist überzeugt, dass nur durch Unzufriedenheit ein
Fortschritt erzielt werden kann.
Das Endprodukt ist die erste CD des Trios und heisst «Soledad», nach
einem berühmten Tango des Geschichtenerzählers Astor Piazzolla.
Dessen Kompositionen faszinieren durch die Interpretation des lyrischen
Aspektes und ihre spürbare Nähe zu den Menschen. Sieben Stücke
Piazzollas haben sie für ihre CD neu arrangiert. Dabei ist der
unverwechselbare Sureste Tango Klang entstanden. Den meisten ist der Tango
lediglich aus Tanzstundentagen bekannt, und seine Beliebtheit hängt oft
vom Beherrschen seiner Schrittfolge ab.
Ursprünglich ist der Tango aber ein musikalisches Gemisch aus nord- und
osteuropäischer, iberischer, amerikanischer, kreolischer, kubanischer und
jüdischer Rhythmen und Harmonien. Diese haben sich vor rund 150 Jahren in
der Subkultur der Einwanderer in Buenos Aires zu diesem eigenartigen und
unverwechselbaren Sound zusammengefügt. Mit dem Tango stark verknüpft
ist das Bandoneon, eine Handharmonika mit Knöpfen zum Spielen an beiden
Seiten. Das Sureste Tango Trio ersetzt dieses durch Holzblasinstrumente.
Dadurch wirkt der Tango aufgelockerter und experimenteller. Elemente des Jazz
und der klassischen Musik werden hörbarer.
Für Witek Kornacki ist der Tango Ausgangspunkt dafür, seine
osteuropäische Klangvorstellung umzusetzen und Ideen weiterzuentwickeln.
Er erklärt: «Ich sehe den Tango als Dachbegriff für die
seelische und emotionale Art zu spielen. Über den Tango kann ich mit den
Zuhörern kommunizieren und ihnen Bilder vermitteln.» Kornacki liebt
improvisierte Musik, die aus dem Moment entsteht. So ist er über den Jazz
zu seiner Art des Tangos gekommen. Durch seine eigenwilligen, jazz-orientierten
Ost-West-Inspirationen und seine Arbeiten für das Theater bekannt,
schlägt er mit seiner Klarinette behutsam und brachial zugleich
erzählend die Brücke zu einem der Ursprünge des Tangos,
nämlich nach Polen.
Der Pole Lech Wieleba ist ein im Jazz beheimateter Kontrabassist. Er versteht
seinen Bass als Träger der Lyrik und sieht ihn sowohl in der melodischen
als auch in der rhythmischen Funktion. Er hat sogar eine familiäre
Tango-Tradition. Sein Grossvater war in den zwanziger Jahren aus dem armen,
unterdrückten Polen nach Argentinien ausgewandert. Der katholische Pole
ernährte dort seine Grossfamilie mit dem Geld, welches er durch den Tango
in einem Bordell erspielte.
Gesangs-Tango
Auch Angel Garcia Arnès ist familiär vorbelastet. Sein Vater hat
Tangos gesungen. Er selbst verkörpert als Flamencogitarrist mit
klassischer Ausbildung den Tango technisch brillant mit dem Feuer der
iberischen Elemente. Als Arrangeur des Trios interessieren ihn die
Klangmöglichkeiten innerhalb der ungewöhnlichen Besetzung. Das
Sureste Tango Trio verzichtet auf elektronischen Schnickschnack und lebt vom
Klang seiner Instrumente. Obwohl sie nicht unbedingt das Durchschnittspublikum
ansprechen, ist ihre Konzertagenda gut gefüllt.
Kurven-Tango
Als das Trio an einem Theater gespielt hat, war ein Mitglied des Kurven-Teams
aus Windisch anwesend. Dessen Begeisterung für diese spezielle Musik
machte ein Konzert in Windisch möglich. Für Kornacki ist jedes
Konzert eine Herausforderung. Er weiss nie, wie ein Konzert abläuft, und
muss alles geben. Das Publikum kommt mit einer Erwartung, die er nicht kennt
und trotzdem erfüllen muss. Er erläutert: «Das Publikum für
sich zu gewinnen und ihm zu einem schönen Abend zu verhelfen ist unser
Job. Das uns entgegengebrachte Gefühl, macht mich dankbar, weil so die
Arbeit und die Auseinandersetzung mit dem Tango plötzlich Sinn machen.
Wenn wir uns voll einbringen und dem Publikum diese anspruchsvolle Musik geben
dürfen, ist das etwas Schönes.» csch
CD: Sureste Tango Trio, Soledad,
Bezugsquelle:
The International Music Company AG, Rahlau 4-6, D-22045 Hamburg, Fax:
0049/40/6699 161.
| KONZERT |
Am 29. April um 20.30 Uhr können sich alle Tangofreunde und diejenigen,
die es werden wollen, im Restaurant Kurve, Dorfstrasse 57, 5210 Windisch, von
den Qualitäten des Trios Sureste Tango überzeugen.
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